„seltsame“ Bedeutungswandel

So wie sich im Laufe der Zeit die „äussere“ Gestalt der Sprache, die Laute und deren Zusammenstellung, verändern, ändert sich auch die assoziierte Bedeutung. Dass dieselbe Wurzel je nach Sprache die Bedeutung ‚kleben‘, ’schneien‘ oder ‚liegen bleiben‘ haben kann, ist noch nachvollziehbar; zuweilen können sich Bedeutung aber unintuitiv weit voneinander entfernen. Zwei solch „seltsame“ semantische Wandel sind mir neulich begegnet:

Die Familie, von lateinisch familia, geht auf lat. famulus ‚Diener‘ zurück – war also zunächste die ‚Dienerschaft‘, bevor die Bedeutung auf alle im Haus ausgeweitet und dann auf die Verwandten eingeengt wurde (in den Sprachen, wo das Wort weiterlebte oder übernommen wurde).

Das zweite Paar, dessen Verwandtschaft (trotz nicht auf der Hand liegender semantischer Verbindung) ich gewahr wurde, ist englisch travel und französisch travailler. Die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen Wortes, auf welches beide zurückgehen, war ’sich abmühen‘, wozu ‚arbeiten‘ problemlos passt; die englische Bedeutung wurde vermittelt von ‚Unannehmlichkeiten des Reisens ertragen‘.

Quellen: Kluge; Stowasser; Oxford English Dictionary; Middle English Dictionary

Gluten

Gluten ist eine Bezeichnung für Eiweisse, die in einigen Getreidearten vorkommen und als Kleber wirken (genaueres bei Wikipedia).

Auf Deutsch wird das Wort laut Duden hinten betont, auf Englisch laut Merriam-Webster vorn. Im Deutschen scheint mir die Betonung vorn aber auch geläufig zu sein, was dazu führt, dass man sich vorzüglich über „richtig“ und „falsch“ streiten kann.

Etymologisch „richtig“ ist die Betonung vorn, denn das Wort stammt aus dem Lateinischen, gluten heisst schlicht ‚Leim‘. Einige Nachschlagewerke stellen dies zum selben Stamm wie deutsch kleben und englisch clay ‚Lehm‘. Sicher verwandt ist englisch glue ‚Leim‘, welches ein Lehnwort ist.

Quellen: Wikipedia; Duden; Merriam-Webster; Stowasser; Kluge; Gemoll; LIV

Laune

Launen hängen vom Mond ab. Dieser Auffassung war man im Mittelalter, also übernahm man dafür gleich das lateinische Wort für Mond. Das englische lunatic ist in ähnlicher Weise entlehnt worden.

Lateinisch luna wiederum geht auf die proto-indogermanische Wurzel *leu̯k- ‚hell werden, leuchten‘ zurück, von der auch deutsches leuchten und Licht kommt.

Quellen: Kluge (2011): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache; Etymological Dictionary of Latin and the other Italic Languages (online); Etymological Dictionary of Proto-Germanic (online); Lexikon der indogermanischen Verben, 2. Auflage 2001

Wingin‘ it

Everybody’s winging it heisst so etwas wie ‚Wir haben doch alle keinen Plan‘. Wie kam es zu dieser Bedeutung?

EtymOnline gibt zwei Erklärungen, wie sich die Bedeutung ‚improvisieren‘ entwickelt haben könnte: Ein Theaterschauspieler, der seinen Text hinter der Bühne (in the wings, ‚im Seitenflügel‘) noch schnell auswendig lernt oder ihn gar von einer Souffleuse aus den wings eingeflüstert bekommt, is winging it, aber auch ein junger Vogel, der das erste Mal ausfliegt.

Das Idiom ist laut EtymOnline 1875 das erste Mal belegt. Richtig populär wird es aber laut dem Google Ngram Viewer erst nach 2000 (wobei ein Buchkorpus zugegebenermassen nicht die optimale Datengrundlage für eine eher umgangssprachliche Ausdrucksweise ist):

Namen aus dem Griechischen

Ein Kompendium von häufigen Vornamen, die ihre Wurzeln im Altgriechischen haben, willkürlich ausgewählt und unvollständig.

Alexander: ἀλεξω alexō ‚abwehren‘ + ἀνήρ anēr ‚Mann‘ (Genitiv: ἀνδρός andros) – also ‚der Männerabwehrende‘

Andreas: ἀνδρεία andreia ‚Tapferkeit‘ (zu ἀνήρ, s.o.)

Barbara: als βάρβαρος barbaros bezeichneten die alten GriechInnen alle, die nicht Griechisch sprachen – deren Sprachen klangen in griechischen Ohren nach „bar-bar-bar“.

Basil: βασιλεύς basileus ‚König‘

Christian/Christina: χριστός christós ‚gesalbt‘ (zu χρίω chriō ‚bestreichen‘)

Christoph: Χριστός (s.o., hier natürlich im christlichen Sinne) + φέρω ferō ‚tragen‘

Cyrill: κύριος kyrios ‚gebietend; Herr‘

Dorothea/Theodor: δώρον dōron ‚Gabe‘ + θεόσ theos ‚Gott‘

Georg: γεωργός geōrgós ‘Bauer’ (zu γῆ ‘Erde’ + ἔργον ergon ‘Werk, Arbeit’)

Gregor: γρηγορέω grēgoreō ‚wach sein, leben‘ (neutestamentliche Perfektbildung zu ἐγείρω egeirō ‚erwecken‘)

Helen/Helene/Helena: In der griechischen Mythologie ist die Entführung der Helena der Grund für den Trojanischen Krieg; die Etymologie ist unklar.

Irene: εἰρήνη eirēnē ‚Frieden‘

Katharina: Der Name hiess altgriechisch Αικατερίνα Aikaterina, dessen Etymologie unklar ist. Die Schreibweise Katharina entstand durch volksetymologische Anlehnung an καθαρός katharos ‚rein‘

Lukas: Λουκᾶς Loukas, Name im Neuen Testament

Margarete: μαργαρίτης margaritēs ‚Perle‘ (im Neuen Testament; wohl ein Lehnwort, vielleicht aus dem Persischen)

Melissa: zu μέλι meli ‚Honig‘

Nicolas/Nicole/Nikolaus: νικάω nikaō ’siegen‘ (man vergleiche die bekannte Sportmarke) + λαός laos ‚Volk‘

Peter: πέτρος petros ‚Stein, Fels‘

Philipp: φιλέω phileō ‚gern haben‘ + ἵππος hippos ‚Pferd‘

Sebastian: σεβαστός sebastos ‚ehrwürdig‘

Sofie: σοφός sophos ‚weise‘

Stefan: στέφανος stephanos ‚Kranz, Krone; (übertr.:) Ruhm‘

Quellen: englische und deutsche Wikipedia; Gemoll

schlecht

Das Adjektiv schlecht (bzw. seine althochdeutsche Form sleht) ist eine Ableitung von ahd. slīhhan, also schleichen. Dies musste die Bedeutung ‚gleiten, rutschen‘ gehabt haben, sleht dazu passend ‚eben, geglättet‘. Im Laufe der Zeit verschob sich die Bedeutung von schlecht zu ‚einfach‘ und sodann zu ‚minderwertig‘.

Die Bedeutung ‚einfach‘ ist in der Variante schlicht erhalten, aber auch in der Redewendung recht und schlecht oder in schlechthin und schlechterdings.

Das Geschlecht hat damit nichts zu tun; es ist etymologisch verwandt mit schlagen, so wie ein Kind nach einem Elternteil schlägt, also in einer Beziehung von gleicher Art ist, woraus sich die heutige Bedeutung entwickelt hat.

Andere germanische Sprachen haben ein anderes Wort für das Gegenteil von gut:

Die Herkunft von englisch bad ist nicht geklärt; Komparativ und Superlativ worse/worst sind laut EtymOnline verwandt mit war ‚Krieg‘, kommen also auch von einem Verb, das ‚verwirren‘ bedeutet.

Schwedisch dålig ’schlecht‘ kommt von altnordisch ‚bestaunen‘, verwandt mit altgriechisch ϑαῦμα thauma ‚Wunder‘. Dazu gibt es zwei Komparativ/Superlativ-Paare: värre/värst (’schlimmer/am schimmsten‘) ist analog Englisch, die Herkunft von sämre/sämst ist unbekannt.

Quellen: duden.de (Geschlecht), EtymOnline (bad, worse), Svensk etymologisk ordbok (dålig, sämre), Kluge (schlecht, schleichen, Geschlecht), Etymological Dictionary of Proto-Germanic: dawēn-

Geek und Geck

Am Anfang dieser Wortreise steht der Geck. So wurde im Niederdeutschen jemand genannt, der undeutlich sprach und deshalb als dumm galt.

Das Wort wurde im 14. Jahrhundert ins Mittelhochdeutsche übernommen und bezeichnete dort einen Narren, zuerst einen Hofnarren, dann einen Narren am Karneval, und schliesslich bekam es die abschätzige Bedeutung ‚eitler Modeavantgardist‘.

Andererseits übernahm auch das Englische das Wort (wobei die Abstammungslinie nicht ganz sicher ist). Dort bezeichnet es seit den 1980er-Jahren Menschen, die von etwas (oft Computer und Naturwissenschaften) besessen sind, zuerst negativ, dann positiv. In dieser Bedeutung kam der Geek auch wieder ins Deutsche.

Hier könnte man noch anschliessen, dass der Nerd wohl etymologisch mit der deutschen Nuss verwandt ist – engl. nuts heisst ja auch ‚verrückt‘, dann noch eine kleine lautliche Veränderung im Studentenslang et voilà.

Man hat es also wieder einmal mit typischen Phänomenen des Sprachwandels zu tun: Lautmalerei (der Geck, dem zugeschrieben wurde, nur geck sagen zu können), Bedeutungsverengung (‚Narr‘ zu ‚Modenarr‘) und -erweiterung (‚besessen von Computerzeugs‘ zu ‚besessen von irgendetwas‘) sowie Entlehnung (des niederdeutschen Gecks ins Hochdeutsche und Englische sowie beim Nerd und Geek vom Englischen ins Deutsche).

Quellen: Online Etymology Dictionary, Duden, Kluge (2011): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Wikipedia: Geek, Grimm, Jacob et al. (1854-1961): Deutsches Wörterbuch

Bis gleich

In meinem Dialekt unterscheide ich zwischen bis grad, bis glii und bis bald (ich formuliere dies subjektiv/zurückhaltend, weil solche Dinge bekanntlich nie in der ganzen Deutschschweiz gleich sind).

Bis grad heisst bis gleich, man sieht sich also in kurzer Zeit, sagen wir, in weniger als einer Stunde wieder.

Bis glii entspricht nur lexikalisch standarddeutschem bis gleich, bedeutet aber eher so etwas wie bis bald, im Gegensatz zu dem es jedoch ein bisschen verbindlicher ist oder suggeriert, dass man sich bald wieder sehen möchte oder schon (zumindest provisorisch) ein nächstes Treffen abgemacht hat.

[empf-]

Warum schreibt man empfinden, empfangen und empfehlen mit empf- und nicht mit entf- wie z.B. entfachen, entfalten oder entfernen? Empfinden war schliesslich auch einmal ent-finden (also ‚herausnehmen‘ oder eben ‚wahrnehmen‘), empfangen einmal ent-fangen (‚fangen‘ im Sinne von ’nehmen‘) und empfehlen einmal ent-fehlen (hat jedoch nichts mit fehlen zu tun, sondern ist mit befehlen verwandt; fehlen kommt von altfranzösisch faillir [edit 20.10.14, merci Christoph]).

Andersherum spricht man Wörter wie entführen, die mit entf- geschrieben werden, wohl meist auch als empführen aus (ausser man spricht überdeutlich) – eine lautliche Angleichung oder Assimilation: n und t werden hinter den Zähnen gebildet, f bei der Lippe – da ist es praktischer, gleich alles bei den Lippen auszusprechen, was dann eben empf- gibt.

Warum also ist bei drei Wörtern die Assimilation orthografisch abgebildet, bei den anderen aber nicht? Mögliche Antwort: Letztendlich ist Rechtschreibung immer Konvention (wir schreiben z.B. auch Thron noch mit h). – Dagegen spricht, dass man sich dabei immer um Logik bemüht. Also These 1: Empfinden, empfangen und empfehlen werden häufig gebraucht und eventuell, These 2, deshalb als ein untrennbares Wort wahrgenommen. Gegen These 1 spricht, dass auch andere ent-f-Wörter ähnlich häufig vorkommen, gegen These 2, dass es sowohl (neuere) Fundstellen im Internet für entfinden gibt als auch ältere Texte, die empfachen schrieben.

Oder, These 3, in den 3 Wörtern ist die die Bedeutung des Präfixes ent- am weitesten empfernt entfernt von der Grundbedeutung ‚entgegen, weg‘ – Diese These scheint mir am plausibelsten, da empfinden, empfangen und empfehlen Besonderheiten aufweisen: empfinden und empfangen sind semantisch nicht sofort analysierbar als ‚gefühlsmässig wahrnehmen‘ bzw. ‚entgegennehmen‘ (im Gegensatz etwa zu entfeuchten) und empfehlen hat kein Simplex mehr.

Quelle: Kluge, Friedrich (2011): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage (1. Auflage: 1883). Berlin: De Gruyter.

Georg und das Werk

Der Name Georg (inkl. der Varianten George, Jörg, Jürgen, Georges/Schorsch, Jorge etc. pp.) ist abgeleitet von altgriechisch γεωργός geōrgós ‚Bauer‘. Dieser ist zummengesetzt aus γῆ ‚Erde‘ und ἔργον érgon ‚Werk, Arbeit‘.

Altgriechisch ἔργον geht zurück auf die indogermanische Wurzel *uerĝ-o-, die auch auch vom deutschen ‚Werk‘ fortgeführt wird. Georg und das Werk (oder z.B. auch engl. work) gehen also auf denselben Kern zurück.

Quellen: Hoad, T. F. (ed.) 2012: The Concise Oxford Dictionary of English Etymology; Kronen, Guus 2013: Etymological Dictionary of Proto-Germanic.