Umzug

Keine Eytmologie, sondern ein Hinweis in eigener Sache: Dieses Blog wird nicht weiter gefüttert, dafür www.radic.es (lat. radices ‚Wurzeln‘). Das Thema bleibt dasselbe, aber ich möchte probieren, etwas kürzer, dafür häufiger zu schreiben, und nebst deutsch auch auf Englisch.

*h₁u̯eh₂-

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In dieser Wortreise geht es um Mangel, Leere und Abwesenheit. Alles beginnt mit der Wurzel *h₁u̯eh₂- ‚verlassen, aufgeben; ablassen, aufhören‘.

Lautung

Bei *h₁u̯eh₂- gibt es 3 erklärungsbedürftige Zeichen: Das Graphem *u̯ bezeichnet einen Halbvokal /w/ wie am Anfang von englisch what, nahe dem deutschen /v/ in was. h₁ und h₂ sind Laryngale – dazu ist zu sagen:

  • Im rekonstruierten Proto-Indogermanisch gibt es 3 Laryngale, h₁, h₂ und h₃ (Larynx=Kehlkopf).

  • Es ist nicht genau bekannt, wie sie geklungen haben – deshalb verwendet man die etwas exotische Notation –, aber es dürften Laute gewesen sein, die hinten im Rachen gesprochen wurden wie z.B. unser ch.

  • Laryngale sind in den indogermanischen Tochtersprachen (ausser im anatolischen Zweig) verschwunden, lassen aber Spuren zurück. Sie können den Vokal *e „umfärben“ oder in bestimmten Stellungen selbst zu Vokalen werden.

Somit war die Aussprache von *h₁u̯eh₂- wohl etwa Chwech, wenn unser Rekonstrukt nicht ganz daneben ist. Nach dem Ausfall der Laryngale haben wir noch *u̯ā, da *eh₂ zu langem ā wird (Umfärbung und Dehnung).

Das Verb: *h₁u̯eh₂-

*h₁u̯eh₂- wird als Verbwurzel rekonstruiert und hat direkte Nachfolger: vedisch vā́yati ’schwindet‘ und wahrscheinlich griechisch ἐάω eaō ‚lassen‘ (umgeformt).

Das Adjektiv: *h₁u̯eh₂–no-

Mit dem Suffix *-no- werden Adjektive gebildet – *h₁u̯eh₂-no- hiess wohl ‚mangelhaft‘.

Zur Vereinfachung steht hier die Vollstufe *h₁u̯eh₂-no-; das deutsche *wana geht auf die Nullstufe *h₁u̯h₂-no- zurück, ebenso ist bei Latein und Griechisch die genaue lautliche Entwicklung umstritten (evtl. durch Analogie entstanden); dies wird durch die gestrichelten Linien gekennzeichnet. Für Details siehe NIL 248ff.

Das Adjektiv wird nicht nur in der indischen (ved. *ūná) und griechischen (εὖνις eũnis ‚ermangelnd‘) Sprachfamilie fortgesetzt, sondern auch im Italischen und Germanischen:

Lateinisch vānus ‚leer, nichtig‘ und dessen Ableitungen (ē)vānēscō ‚verschwinden‘ und vānitās ‚Nichtigkeit‘ leben in den romanischen Sprachen fort sowie im Englischen: vanish, vanity, vain

Germanisch *wana ‚mangelnd, leer‘ hat einige Wörter hervorgebracht, die heute noch in Gebrauch sind:

  • die Verben *wanōjan ’schwinden‘, in engl. to wane fortgesetzt, sowie wahrscheinlich *wanatōn ‚mangeln‘, welches über die skandinavischen Sprachen zu englisch to want geworden ist (hier sind allerdings einige Unsicherheiten)

  • direkte Nachfolger sind altnordisch vanr und althochdeutsch wan; im schwedischen vanmakt ‚Ohnmacht‘ fungiert van- z.B. noch als Präfix, welches die Absenz bezeichnet; ebenso in dt. Wahnsinn – allerdings hat sich das Wort im Deutschen mit einem anderen „berührt“:

  • *vǣni ‚Hoffnung, Erwartung‘ führte zu ahd. wān (mit langem Vokal); dies wurde gleichlautend mit wan, als dieses gelängt wurde, weshalb die Wörter sich gegenseitig beeinflusst haben, so dass beim Wahnsinn also nicht nur die Leere, sondern auch der Wahn anklingt, und umgekehrt das Wort Wahn heute viel negativer besetzt ist als früher.

unsichere Ableitungen: *h₁u̯eh₂-sto, *h₁u̯eh₂-k-

Bei zwei weiteren Wortgruppen ist unsicher, ob sie zu *h₁u̯eh₂- gehören. Semantisch würden sie gut passen, doch es ist unklar, mit welchen Suffixen sie gebildet sind.

  • Eine Ableitung mit -sto- (*h₁u̯eh₂-sto-) könnte lat. vāstus und germ. *wōsti zugrunde liegen, die beide ‚öde wüst, leer‘ bedeuten; von *wōsti kommen wüst und die Wüste.

  • Eine Ableitung mit -k- (*h₁u̯eh₂-k-) ist sehr unsicher, eher handelt es sich um eine eigene Wurzel *u̯ak (die mit *h₁u̯eh₂- verwandt sein könnte, vgl. Fussnote bei Nussbaum 1998: 73f.), die lat. vacuus ‚leer‘ und damit dem Vakuum oder auch engl. vacation ‚Ferien‘ zugrunde liegt.

Quellen & Anmerkungen zur Skizze

  • LIV²
  • NIL
  • Stowasser
  • Gemoll
  • Kluge
  • OED.com
  • Brill Etymological Dictionaries: Proto-Germanic, Latin
  • Nussbaum 1998: *Two Studies in Greekand Homeric Linguistics*. 73–84.

Skizze:

  • gestrichelte Linien bezeichnen unsichere Abstammungslinien
  • Linien bezeichnen „direkte“ Fortsetzungen (mit regelmässigen lautlichen Veränderungen), Pfeile bezeichnen Ableitungen

Was zusammen gehört (und was nicht)

Welche der folgenden Wörter sind wohl verwandt?

  • Ähre
  • Akropolis
  • ätzen
  • Essig
  • Ecke
  • oxygen

Klar: Essig ist sauer, ogyxen ist Sauerstoff, und der hat die Säure schon im Wort, ätzen ist mit Säuere behandeln, passt – aber leider nur semantisch. Denn gerade diese drei Wörter stammen von verschiedenen Wortwurzeln ab.

Mit Ausnahme von ätzen und oxygen gehen alle Wörter auf die indogermanische (idg.) Wurzel *h₂ek̑- ’scharf, spitz‘ zurück . Und das kam so (Linien bezeichnen „direkte“ Abstammung, also Lautwandel und Lehnwörter, Pfeile bezeichnen Ableitungen):

Hek

*h₂ek̑- könnte man vereinfacht als ak aussprechen, denn der Laryngal h₂ fällt weg und färbt das e, und das palatale wird in den hier besprochenen Sprachen überall zu „normalem“ velarem k. Davon gibt es vier Ableitungen (bzw. ich beschränke mich hier auf diese, es gäbe noch viel mehr):

  • *h₂ek̑-h₁i̯é- ist das Verb dazu, ’scharf sein‘ (gemeint ist: von Speisen und Getränken). Die lateinische Fortsetzung läuft über dieses Verb.

  • *h₂k̑-es- bezeichnete wohl so etwas wie ein spitziger Teil, besonders eines Getreidehalms, also ‚Granne‘ oder ‚Ähre‘.

  • Das Suffix *-ro- bildet Adjektive – da die Wurzel schon ein Adjektiv ist, bleibt die Bedeutung: *h₂(ē)k̑-ro- ’scharf, spitz‘

  • Das Abstraktum *h₂k̑-i̯eh₂- wird wohl so etwas wie ‚Spitze, Kante‘ bedeutet haben.

Der grösste Komplex ist *h₂ek̑-h₁i̯é-, von dem lat. aceō ’sauer, scharf sein‘ (z.B. von Wein) abstammt. Dazu wurden das Adjektiv acidus ’sauer‘ und das Substantiv acētum ‚Essig‘ gebildet. Acidus wird in frz. acide fortgesetzt, das von dort ins Englische gelangte, wo es ab dem 17. Jahrhundert belegt ist.

Das lateinische Wort für Essig, acētum, ist der direkte Vorfahre unseres Essigs. Wohl schon im Latein fand eine Metathese (eine Umstellung von Lauten) statt, aus der *atēcum resultierte, welches durch die hochdeutsche Lautverschiebung (t > s, k > ch, h) und mit einem Umlaut (a wird zu e vor i in der folgenden Silbe) zu essih wurde, von wo es lautlich nicht mehr weit ist zu Essig.

Ob altgriechisch (gr.) ὀξύς oxys ’sauer‘, welches ebenfalls ’scharf; sauer‘ bedeutet, zur gleichen Wortfamilie gehört, ist umstritten. Es könnte von derselbe Wurzel *h₂ek̑- abgeleitet sein, dafür muss man aber einige unregelmässige Vorgänge annehmen. Sicher ist hingegen, dass frz. oxygène ‚Sauerstoff‘ im 18. Jahrhundert aus ὀξύς + γένος gebildet wurde – γένος -genos bedeutet darin ungefähr ‚erzeugend‘, da angenommen wurde, dass Sauerstoff Säure erzeugt. Das Englische hat das Wort vom Französischen übernommen, das Deutsche hat es übersetzt.

Ein weiteres Nebengeleise ist ätzen. Es hat nichts mit saurem Essig zu tun, sondern mit essen. Die Kausativbildung *atjan bedeutet ursprünglich so viel wie ‚essen machen‘, auf Säuren bezogen also ätzen.

*h₂k̑-es- ist fortgesetzt in der deutschen Ähre, also der Spitze des Getreidehalms.

Ebenfalls ’scharf‘ bedeutet lat. ācer, wobei das -r vom -ro-Suffix in *h₂(ē)k̑-ro- kommt. Davon stammt auch gr. ἄκρος akros ’spitz auslaufend, an der Spitze stehend‘ ab, kombiniert mit der Polis, griechisch für ‚Stadt‘, ergibt das die Akropolis.

Eine weitere Ableitung ist idg. *h₂k̑-i̯eh₂- ‚Spitze, Kante‘, das im Germanischen zu *agjō wurde, und später zur Ecke oder englisch edge.

Man sieht: Was zusammen gehört, ist nicht immer so klar. Manche stellen auch, wie bereits geschrieben, ὀξύς in die gleiche Gruppe, ausserdem den Hammer, den Himmel, und sogar das h- von hören soll davon abstammen – ab einem gewissen Punkt bewegen wir uns dabei aber in der Sphäre der Spekulationen (wobei geübtere IndogermanistInnen mir bei diesem etwas pauschalen Urteil wohl widersprächen). Ausserdem ist zu bedenken, dass die Wortfolge ak sehr kurz ist und damit wenig komplex, was es in manchen Fällen erschwert, eine eindeutige Zuordnung zu einer rekonstruierten Wurzel vorzunehmen – ein ak könnte auch später in die betreffende Sprache gelangt sein oder von einer anderen Wurzel abstammen. Wir reden also von Möglichem und Wahrscheinlichem, nicht von Fakten. Ich habe versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner des tendenziell Gesicherten herauszuschälen.

In diesem Zusammenhang noch eine explizite Warnung: Auf Wiktionary findet sich zum Teil Haarsträubendes. Als Einstieg in Etymologien taugt Wiktionary durchaus, allerdings werden relativ gesicherte Fakten mit Hypothesen und Spekulationen gemischt und nicht als solche gekennzeichnet. Darum ist grosse Vorsicht geboten. Wer ernsthaft Etymologie betreiben will, ist zum jetztigen Zeitpunkt auf jeden noch Fall auf linguistische Literatur angewiesen, denn einseitige und unvollständige Informationen zeichnen ein ähnlich schiefes Bild wie falsche.

Benutzte Wörterbücher: NIL; LIV²; Gemoll; Stowasser; Brill Etymological Dictionaries: Proto-Germanic, Latin, Greek; oed.com; Kluge

Cheers!

Cheers! sagt man in Britannien heute beim Zuprosten, aber auch zum Dank.

Im 13. Jahrhundert ist chere im Mittelenglischen belegt in der Bedeutung ‚Gesicht‘ – das bedeutete es auch im Altfranzösischen, aus dem es übernommen wurde, und heute noch im Spanischen: cara.

Der Bedeutungswandel im Englischen ist bemerkenswert: vom Gesicht zur Stimmung, die das Gesicht ausdrückt, sodann zur positiven Stimmung, also ‚Heiterkeit‘. Diese Bedeutung ist heute noch erhalten, prominenter aber ist die Verwendung als Ausruf mit dem zugehörigen Verb, das ‚bejubeln‘ bedeutet und einem auch als Bestandteil der Cheerleader begegnet. Es ist im 18. Jahrhundert als bejahender oder anfeuernder Zuruf belegt, im 20. Jahrhundert folgte dann die Karriere des Plurals cheers:

Quelle: OED

grotty und grottenschlecht

Englisch grotty ist britischer Slang für ‚ätzend, mies, schäbig‘. Das OED und EtymOnline führen es übereinstimmend auf grotesque zurück, wobei EtymOnline ausführt: „… it had a brief vogue 1964 as part of the argot popularized by The Beatles in [the movie] A Hard Day’s Night.“ Seitdem scheint es sich gehalten zu haben:

Das deutsche grottig kommt jedoch nicht von grotesk. Es ist der vordere Teil von grottenschlecht oder grottenfalsch und müsste eigentlich krottig geschrieben werden, denn es referiert auf die Kröte, schwäbisch Krott. Die schwäbische Aussprache des /k/ ist bekanntlich relativ „weich“ und damit nah an /g/. Genauer nachzulesen ist dies in einem empfehlenswerten kleinen Essay des Germanisten Gerhard Müller, das noch weitere Verbindungen schlägt.

Auch im Schweizerdeutschen haben grottig und grottenschlecht Einzug gehalten und damit das ürsprüngliche chrotte- verdrängt, das z.B. in der Verbindung chrottelustig im Idiotikon verzeichnet ist (vgl. dazu auch Müller 2011).

Wahnsinniges Lernen, automatisches Denken und munteres Demonstrieren

Die indogermanische Wurzel *men- ‚denken‘ gibt einiges her. Ich werde mich – wie üblich – vor allem auf die Pfade beschränken, die sie im Altgriechischen (gr.), Latein (lat.) und den germanischen Sprachen (germ.) durchlaufen hat. Dies einerseits, um die Sache „kurz“ zu halten, andererseits, weil ich mich damit am besten auskenne.

Deutsche (dt.) und englische (engl.) Wörter im Zusammenhang mit Lateinisch und Griechisch anzuschauen macht aber auch Sinn, da erstaunlich viel „Wortmaterial“ daher kommt.

Prolog

Protagonist ist also die Wurzel *men-. Sie wird als men-, man-, mon-, mun-, min-, ma- und *mn- auftreten. Das hat seine Rechtmässigkeit; wie die genau aussieht, werde ich hier nicht ausführen. Ist aber, vertrauen Sie mir, alles logisch (jedenfalls erstaunlich viel) und erklärbar (allerdings nicht in jedem Fall von mir).

1. Akt: Griechisch-lateinisches Aufwärmen mit Automat und Manie

Im Altgriechischen finden sich verschiedene Bildungen, deren Abkömmlinge uns geläufig sind:

  • αὐτό-ματος auto-matos ‚aus eigenem Antrieb, von selbst‘ kam übers Latein ins Deutsche und wurde zum Automat.
  • μνημονικός mnē-mon-ikós ‚ein gutes Gedächtnis habend‘ fand Eingang ins Deutsche (mnemonisch) und Engl. (mnemonic), wo es Dinge bezeichnet, die mit Gedächnis zu tun haben.
  • μανία manía ‚Raserei, Wut, Wahnsinn‘ hat wiederum via Latein in die germ. Sprachen Eingang gefunden (manisch, beatlemania, maniac, Kleptomanie, …) – es gibt aber (neben gewichtigen Fürsprechern) Einwände gegen die Verbindung mit *men-.

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2. Akt: Das Perfekt *me-mn-

Der Perfektstamm *me-mn- (die Wurzel *men- steckt in der zweiten Silbe, die erste ist reduplizierend) führte zu lat. meminī ‚erinnern‘, auf welches unter anderem dt. Kommentar zurückgeht. Engl. memory stammt vom zugehörigen Adjektiv ab, das via Französisch ins Englische gelangte.

Aber in den germ. Sprachen gibt es auch direkte Nachkommen von *me-mn-, die nicht den Umweg übers Latein gemacht haben: *mun-/*man- ist urgerm. für ‚denken‘, wobei die Reduplikationssilbe me- weggelassen und ein -u- eingeschoben wurde (Vokalepenthese). Neben dem Isländischen zeugt davon auch noch dt. mahnen.

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3. Akt: t-Suffix

Das lat. mēns, mentis ‚Geist; Gemüt; Gedanken‘ begegnet einem in jedem romanischen Adverb: lenta-mente ‚langsam‘ (wörtlich: ‚auf langsame Weise‘), pareille-ment ‚gleichfalls‘ (wörtlich: ‚in gleicher Weise‘), aber auch bei vielen Substantiven: Fragment, Alimente, accomplishment etc.

Es ist aber auch die Quelle für mentīrī ‚erdichten; lügen‘, dessen semantische Verschiebung in den zwei Bedeutungen schön ersichtlich ist: zuerst bezeichnet es so etwas wie ‚fantasievoll denken‘, dann aber auch dessen negatives Gegenstück.

Im nachklassischen Latein wurde das Adjektiv mentalis dazu gebildet, ‚zum Denken gehörig‘, das wir auch im Deutschen wieder finden (z.B. mentale Belastung). Im Englischen kann es auch pejorativ genutzt werden und heisst dann ‚verrückt‘ – ebenso wie lat. demens, von dem Demenz abgeleitet ist, und wie maniac, dem wir oben begegnet sind.

Im Germanischen bezeichnete das mit t-Suffix gebildete Substantiv das Gedächtnis. Prominentes Überbleibsel davon ist engl. mind, das sich zum wichtigen Verb gemausert hat (Do you mind? – That reminds me of something.)

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4. Akt: *mon-éi̯e (Kausativ)

Der Kausativ zu ‚denken‘ ist ‚denken machen‘, also ‚erinnern, mahnen‘, lat. monēre. Davon leitet sich eine ganze Batterie von lateinischen Wörtern ab, die auch ins Deutsche eingegangen sind:

  • Monitor ‚Aufseher‘ wird im Engl. benutzt, um Überwachungsgeräte zu bezeichnen, von wo es auf Computerbildschirme übertragen wird.
  • Monstrāre ‚zeigen‘ erinnert einen zuerst an *Monster*, von lat. *monstrum* ‚Unheil verkündendes Zeichen; Ungeheuer‘. Das Wort kam via Französisch und Englisch ins Deutsche, das Adjektiv *monströs* übernahmen wir ohne den Umweg übers Englische aus dem Französischen.
  • Eine weitere Gruppe basiert auf dem Italienischen: mostra bezeichnete ein ‚Probestück‘ (ein Stück zum Vorzeigen), also ein Muster. Daher auch mustern und die Musterung.
  • Demonstrāre ‚hinweisen, verdeutlichen‘ haben wir ebenfalls übernommen, eine Demonstration oder Demo zeigt, wie etwas funktioniert, oder weist auf ein politisches Anliegen hin.
  • Monumentum ‚Denkmal‘ besteht gleich aus zwei *men-: ‚erinnern‘ kombiniert mit dem substantivierenden Suffix -ment (s.o.). Monumental hat im Deutschen eine Bedeutungserweiterung zu ’sehr gross‘ erfahren, ähnlich wie monströs, das ja ebenfalls auf monēre zurückgeht.
  • Monieren heisst mahnen – beide stammen von *men- ab, eins über das indogermanische Perfekt (siehe oben), das andere über den lateinischen Kausativ.

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5. Akt: Ableitung mit *dʰ

In dunklere Gefilde führt der letze Abschnitt. Die rekonstruierten Formen *mn(s)-dʰh₁- (Etymological Dictionary of Proto-Germanic) bzw. *mendʰ- (Kluge) sind eigene Wurzeln, die aus der Wurzel *men- herleitbar sind und wohl etwas wie ‚erstreben‘ bedeuteten. Griech. μανθάνω manthanō ‚lernen‘ und μάθηματα mathēmata ‚Wissen‘ sollen davon abstammen, aber auch das dt. munter, das im Althochdeutschen noch ‚leicht, lebhaft, wach‘ bedeutete und dann eine Bedeutungsverschiebung erfuhr.

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Epilog: Grafik und Quellen

Wer sich nach dieser Etymologie-Stunde das Dozierte nochmals zu Gemüte (oder menti) führen möchte: PDF des ganzen Stammbaums

Benutzte Wörterbücher: Gemoll; Stowasser; Etymological Dictionary of Proto-Germanic; Etymological Dictionary of Latin and the other Italic Languages; Etymological Dictionary of Greek; Oxford English Dictionary; Kluge; Seebold (1970): Wörterbuch der starken germ. Verben

Strophe, Katastrophe, Apostroph

Heute in unserer Serie „Wörter griechischen Ursprungs erklärt“: Strophe und Komposita.

Am Anfang steht altgriechisch στρέϕω strephō ‚drehen, wenden‘ bzw. στροϕή strophē ‚Wendung‘. Daher rühren, vermittelt durch das Lateinische, die Katastrophe, der Apostroph und die Strophe.

Strophe: Eine Wendung war die Geste, mit welcher der Chor Liedteile abtrennte. Die Bezeichnung ging später auf die Abschnitte des Gesungenen über.

Katastrophe: Die Wendung geht κατα- kata-, also nach unten. Insbesondere wurde der Wendepunkt in der Tragödie so bezeichnet. Im Neuen Testament wurde das Wort dann schon generell im Sinne von ‚Zerstörung, Verderben‘ benutzt.

Der Apostroph schliesslich inkorporiert die Vorsilbe ἀπο- apo-, wörtlich ‚weg-‚; Gemoll gibt für das Verb ἀπο-στρέφω apo-strephō unter anderem die Bedeutung ‚abwenden‘. Vom „weggewandten“ (also weggelassenen) Buchstaben wurde die Bezeichnung auf das Auslassungszeichen, das diesen ersetzt, übertragen.

Q: Oxford English Dictionary, Duden, Kluge, Gemoll

Germanisches Romanisches und romanisches Germanisches

Die Etymologie von Bandit gibt der Duden wie folgt an:

italienisch bandito = Straßenräuber, eigentlich = Geächteter, substantiviertes 2. Partizip von: bandire = verbannen, aus dem Germanischen

Also ein Wort aus dem Italienischen, das auf ein Wort aus dem Germanischen zurückgeht. Wenn man das etwas aufdröselt, sieht es im Detail etwa so aus:

Prolog: Die Bande (von Germanisch zu Romanisch zu Germanisch)

Mit der Bande hat Bandit direkt nichts zu tun; sie spielt aber später eine Rolle. Das Wort kommt vom französischen bande ‚Trupp, Schar‘, welches wiederum aus dem frühen Germanischen entlehnt wurde, im Gotischen etwa gibt es bandwa ‚Zeichen‘ (das via ‚Fähnchen‘ die Bedeutung ‚(Soldaten)trupp‘ bekam).

Der Bandit (von Germanisch zu Romanisch zu Germanisch)

Das germanische Verb *banna- ‚aufbieten, gebieten‘ geht wahrscheinlich auf die indogermanische Wurzel *bʰeh₂- ’sprechen‘ zurück. Im Italienischen erscheint es als bandire, wobei das d von bande (vgl. oben) stammen könnte. Das italienische Partizip bandito ‚der Verbannte‘ kam im 16. Jahrhundert wieder ins Deutsche.

Von germanisch *banna- bzw. dem Abstraktum dazu, das ‚Aufgebot, Befehl, Bann‘ bedeutete, stammt übrigens auch banal ab, via Französisch ban ‚Bann‘, zu dem das Adjektiv banal ‚(in einem Bezirk) gemeinsam (verwendet)‘ gebildet wurde, das dann eine Bedeutungsverschiebung von ‚gemeinsam‘ zu ’normal‘ und schliesslich ’nichtssagend‘ erfuhr.

Epilog: * bʰeh₂ im Romanischen (und wieder im Germanischen)

Im Latein erscheint die indogermanische Wurzel *bʰeh₂- (von der germanisch *banna- irgendwie abgeleitet ist, vgl. oben) als fā- (lautgesetzlich, also systematisch, da idg. *bʰ zu lat. b wird und idg. *h₂ schwindet, wobei es e zu a umfärbt und längt). Das Verb fārī bedeutet ebenfalls ’sprechen‘. Davon abgeleitet sind:

  • das Partizip fātum ‚Götterspruch, Schicksal‘ (eigentlich ‚das Gesprochene‘) ist als fate ‚Schicksal‘ im Englischen vorhanden
  • fāma ‚Sage; Gerücht; Ruf‘ ist die Quelle von englisch fame ‚Ruhm‘ (also ‚guter Ruf‘) und deutsch diffamieren
  • von fābula ‚Gerede; Erzählung‘ stammt das spanische hablar ’sprechen‘ ab; im Deutschen haben wir Fabel und fabulieren

Die Moral der Geschichte?

Keine Moral, nur eine Feststellung: Wörter reisen. In ihren Reisen zeigen sich die Beziehungen zwischen verschiedenen Sprachgruppen. Als Grafik:

Bandit

Quellen: Kluge, Stowasser

Dänk!

Im Schweizderdeutschen gibt es die praktische Partikel dänk, verkürzt aus denken. Zum Beispiel: Da hani dänk scho gmerkt! ‚Das habe ich dann also schon gemerkt!‘ – dänk verleiht dem Gesagten Nachdruck, hat fast schon etwas Vorwurfsvolles (‚kannst du dir doch denken!‘)

Im Idiotikon (Band 13, Seite 648) erschenit dänk als einschränkende Partikel: ‚vermutlich, dem Anschein nach, wohl‘ bedeutet es in Sätzen wie Er wird’s dänk gmacht ha ‚Er wird es wohl gemacht haben‘. Diese Verwendung ist intuitiv erklärbar aus dem Einschub ‚denke ich‘, scheint mir persönlich jedoch etwas in die Jahre gekommen.

Eine weitere solche Partikel, die aus einem eingeschobenen Verb verkürzt wurde, ist glaub(s). Es ist eines von diesen schönen Wörtchen, mit denen man Absolutheiten abschwächt oder den Wahrheitsanspruch etwas herunterschraubt, um niemandem zu nahe zu treten oder auf elegante Weise die Unverlässlichkeit der eigenen Aussage zu kennzeichnen (denn wenn man zu verstehen gibt, dass man auch bereit wäre, sich in diesem Punkt korrigieren zu lassen, kann man alles sagen): Ich ha glaub en Zweifränkler ‚Ich habe vielleicht, so denke ich zumindest, ein Zweifrankenstück.‘ – Er studiert glaub Linguistik ‚Er studiert Linguistik, sage ich jetzt mal, kann aber auch anders sein.‘ (funktioniert auch gut als netter Widerspruch: ‚Er studiert Linguistik, dänk, nicht Germanistik – ohne dir zu nahe treten zu wollen.‘) – Du bisch jo glaubs nid so guet im Englisch, oder? ‚Irre ich, wenn ich annehme, dass du nicht so gut Englisch sprechen kannst?‘

Und dann gibt es noch meini und meinti. Die beiden sind noch klar als 1.-Person-Singular-Formen (im Indikativ bzw. Konjunktiv) zu erkennen. Das Idiotikon (Band 4, S. 309) führt die Bildung als „Ausdruck bescheidener Behauptung“, sie berührt sich also semantisch mit glaub. Meini oder meinti klingt in meinen Ohren allerdings etwas altbacken und eignet sich deshalb eher für ironische oder neckische Aussagen.

Dänk, glaub(s) und mein(t)i scheinen alle eine relativ neue Entwicklungen zu sein – glaub wurde im Band 2 (1885 veröffentlicht) des Idiotikon (S. 587) noch als „eingeschaltet“, nicht als Partikel, beschrieben.

handsome, cute, sweet

Handsome, wörtlich übertragen ‚hand-sam‘, bedeutete zuerst ‚gut in der Handhabung, praktisch‘, ergo ‚gute Form habend‘, und schon bald darauf (im 16. Jahrhundert belegt) ‚attraktiv‘.

Cute kommt von lateinisch acutus ’spitz, scharf; scharfsinnig‘. Das unbetonte a- am Wortanfang ging verloren, und die Bedeutung weitete sich im 19. Jahrhundert zur generellen positiven Beurteilung.

Sweet lässt sich bis zum Indogermanischen zurückverfolgen, wo es wohl auch schon ’süss‘ bedeutete. Es ist natürlich verwandt mit deutsch süss, aber auch mit dem Hedonismus (via griechisch ἡδύς hēdys ’süss‘) und lateinisch suadere, das im englischen persuade fortlebt.

Quellen: Oxford English Dictionary; EtymOnline; Stowasser; Gemoll